Auf der roten Liste

Ich sehe es schon vor mir: Irgendwann sieht mein Schreibtisch so ähnlich aus wie der des Vorstandsvorsitzenden von Siemens oder Bayer. Sicher nicht so repräsentativ – aber genauso leer. Das macht das papierlose Büro, das wir bei K1 in Angriff genommen haben. Mir schwant: Verschwindet erst das Papier, stehen auch viele andere Insignien meiner (rest)analogen Schreibtischarbeit vor dem Aus.

Gehen wir es mal durch: Trotz Festplatte, Server, Cloud & Co. zieren meinen Schreibtisch nach wie vor mehrere Papierstapel. Sie sind immer da und schrumpfen dank steten Nachschubs kaum. Sie enthalten Zeitschriften, Broschüren, Textausdrucke, Notizen, alles nur rudimentär sortiert. Die Stapel sind eine Art informelles Zwischenlager, darüber hinaus signalisieren sie auf dezente Art, dass hier tatsächlich gearbeitet wird. So war’s zumindest bisher. Doch es ist klar: Verschwindet das Papier, verschwinden früher oder später auch die Stapel.

Akut gefährdet ist auch der Becher mit den Kugelschreibern, Bleistiften und Markern. Denn wo nicht mehr mit der Hand geschrieben, korrigiert, markiert wird, sind sie eigentlich überflüssig. Oder die Box mit den knallbunten Klebezetteln, auf denen ich bisher Anrufe für abwesende Kollegen notiert („Namen nicht verstanden, trotzdem zurückrufen“) und dann an die Monitore gepappt habe. Gleiches gilt für die papierne Schreibunterlage, auf der im Laufe der Zeit zig unverzichtbare Telefonnummern notiert wurden (die man allerdings, wenn man sie braucht, in dem Gekrakel nie mehr wiederfindet). Den Schreibtischkalender, in dem die Termine des ganzen Jahres festgehalten sind. Oder den Zettelkasten mit Hunderten von Adressdaten von Firmen, Behörden, Ansprechpartnern, Grafikern, Fotografen, Redakteuren (darunter manche, die schon seit Jahren in Rente sind).

Ein Blick in den Unterschrank lässt Wehmut aufkommen: Macht’s gut, ihr Hängeregister, Schnellhefter, Klarsichthüllen, ihr Büroklammern, Heftstreifen und Radiergummis. Und du Bleistiftspitzer, Schere, Lineal, Klebstoff, Tesaband. Ohne Papier bricht eure Nahrungskette zusammen – eure Ära ist vorüber wie die der Dinosaurier.

Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, heißt es, und klug ist, sich frühzeitig mit dem Kommenden anzufreunden. Das mag sein, aber etwas Melancholie kommt schon auf. Das Schweifen über meinen Schreibtisch ist wie ein Blick in die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Lebewesen bzw. Dinge. Den Riesenalk (die Schreibmaschine) hat’s bereits dahingerafft, ebenso den Tasmanischen Tiger (den Leuchttisch) und den Dodo (das Typometer). Und jetzt steht dem Berggorilla (dem Locher), dem Großen Panda (dem Tacker) und dem Spitzmaulnashorn (dem Leitz-Ordner) das gleiche Schicksal bevor.

Autor: Markus Buchenau